Fünf Fragen an Olaf Storbeck, Autor des Buches: Die Jahrhundertkrise.
1. Herr Storbeck, Sie schreiben über die Finanzkrise als "Jahrhundertkrise". Tatsächlich geht es uns aber doch noch recht gut. Steht uns das Schlimmste noch bevor?
Das ist durchaus möglich. Bankenkrisen sind das Schlimmste, was hochentwickelten Ländern passieren kann. Das zeigen zahlreiche Studien, die ich für das Buch ausgewertet habe. Alles spricht dafür: Wenn das Finanzsystem kollabiert, führt das zu Rezessionen, die überdurchschnittlich lang und tief sind. Deshalb sind die Konjunkturpakete, die die Regierungen in seit Jahresbeginn aufgelegt haben, so wichtig. Aber ich fürchte: Die Krise ist noch nicht vorbei. In jedem Fall werden uns die langfristigen Folgen - höhere Schulden und weniger Wirtschaftswachstum - noch Jahrzehnte begleiten.
2. Konnten Sie bei Ihren Recherchen einen Hauptauslöser der Krise ausmachen?
Es gibt nicht die eine Kernursache - alle zu einfachen Erklärungen greifen zu kurz. Diese Krise ist ein Produkt eines explosiven Gemisches aus mehreren Zutaten. Dazu gehören blindes Vertrauen in die Selbstheilungskraft des Marktes und die Stabilität des Kapitalismus, die Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, ein Boon an neuen, komplexen und falsch bewerteten Finanzprodukte und die Niedrigzinsen der US-Notenbanken. Auch im akuten Krisenmanagement haben die Notenbanken und Regierungen bis in den Herbst 2008 hinein schlimme Fehler gemacht, die die Probleme verschärft haben.
3. Sie bezeichnen den Goldstandard als eine "Zwangsjacke". Ist aber nicht gerade durch die Aufhebung des Goldstandards die Gefahr nicht gedeckter Währungen gestiegen?
Der Goldstandard war eine Zwangsjacke, weil er den Notenbanken in der Großen Depression die Hände band. Die Zentralbanken konnten nicht mit einer expansiven Geldpolitik gegen die Krise kämpfen und mussten zusehen, wie die Geldmenge schrumpfte. Das war einer der zentralen Gründe, warum nach 1929 aus einer Rezession eine Welt-Depression wurde: Die schrumpfende Geldmenge nahm der Wirtschaft die Luft zum Atmen. In solch einer Ausnahme-Situation müssen die Notenbanken Geld drucken - genauso, wie sie es heute tun. Und dass nur eine Goldwährung Geldwertstabilität bringt, ist doch ein Mythos. Die letzten Jahrzehnte zeigen doch eindrucksvoll, dass moderne Notenbanken auch ohne Goldstandard die Inflation im Griff haben.
4. Was können und müssen Anleger aus der Krise lernen?
Die wichtigste Lektion für Investoren ist: Wer höhere Renditen erzielen will, geht dabei - ob er will oder nicht - höhere Risiken ein. Die Finanzalchemisten können ihre Versprechen, Risiko und Rendite zu entkoppeln, nicht einhalten. Privatanleger sollten lernen sämtlichen Bankberatern zutiefst zu misstrauen - und nur die Geldanlageprodukte zu kaufen, die sie wirklich verstanden haben.
5. Seit Ausbruch der Krise erschienen eine ganze Reihe Bücher über diese Krise. Warum sollten Leser gerade Ihr Buch lesen?
Weil das Buch mehr liefert als bloße Mutmaßungen oder nette Anekdoten rund um die Krise und frei von Ideologie ist. Das Konzept ist das gleiche wie bei "Ökonomie 2.0": Der Inhalt basiert auf Forschungsergebnissen von internationalen Top-Ökonomen. Grundlage ist nicht einfach meine persönliche Meinung, sondern fast 100 wissenschaftliche Studien und Fachbücher, die ich gelesen und aufgearbeitet habe - mit dem Anspruch, dass das Endprodukt gut lesbar, verständlich und auch ein bisschen unterhaltsam sein soll.
Olaf Storbecks Buch:
Olaf Storbeck: Die Jahrhundertkrise
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Über Olaf Storbeck:
Olaf Storbeck studierte von 1995 bis 2000 Volkswirtschaftslehre in Köln und besuchte die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Während des Studiums schrieb er u.a. für "Die Zeit", "Der Spiegel" und "Die Welt". Nach dem VWL-Examen ging er 2001 zum Handelsblatt, wo er heute verantwortlicher Redakteur Wirtschaftswissenschaften ist.