Markus Albers über "Die Macht der neuen digitalen Unordnung">> Zurück zu den Experten-BuchtippsNeulich in der italienischen Maremma. "Du liest was?!" Meine Freundin konnte es nicht fassen. Zwischen Pool und Chianti hatte ich ständig dieses eigenartig trocken klingende Buch in der Hand. "Es geht darum, wie Menschen Wissen organisieren und archivieren", versuchte ich zu erläutern: "Und wie diese Kulturtechnik im digitalen Zeitalter eine neue Qualität annimmt. Ist toll!" Nun ja, als Klappentexter bin ich offenbar eine Niete. Dabei hätte David Weinbergers Buch bessere Werbung verdient, denn es ist spannend geschrieben, aktuell und visionär. "Everything Is Miscellaneous" (zu Deutsch etwas steif: "Das Ende der Schublade: Die Macht der neuen digitalen Unordnung") ist Anfang des Jahres bei Hanser erschienen und leistet ganz lässig zwei schwierige Dinge: 1) Es verschafft dem Leser einen Überblick über die Kulturgeschichte der Wissensorganisation. Also: Woher kommen eigentlich Kataloge, Lexika, Bibliotheken, Archive? Nach welcher Logik funktionieren sie? Wer hat diese Systematiken erfunden und mit welchen Motiven? 2) Es erklärt verständlich und sehr überzeugend, warum die "Dritte Ordnung der Ordnung", also das digitale Verschlagworten (Taggen) von Wissen, den ersten beiden Ordnungen (physikalisch archivieren bzw. in Katalogen und Nachschlagewerken auflisten) deutlich überlegen ist. Warum also, kurz gesagt, Wikipedia prinzipiell besser funktionieren muss als die Encyclopedia Britannica. Und was das für unser aller Wissensmanagement bedeutet. David Weinberger, Ko-Autor des einflussreichen "Cluetrain-Manifestes", ist einer jener seltenen klugen Köpfe, die künftige Entwicklungen tatsächlich ein paar Jahre vor uns anderen antizipieren. Er schafft es gleichzeitig, dieses Wissen nicht herablassend, abstrakt oder allzu akademisch aufzuschreiben, sondern vermittelt es in bester populärer Manier amerikanischer Sachbücher - anhand vieler Beispiele und Analogien, mit Reportage-Elementen und lebendigen Akteuren. Wer sich für Wissenschaftsgeschichte interessiert und gleichzeitig schon mal von Twitter gehört hat, sollte dieses Buch lesen. |
Über Markus AlbersMarkus Albers ist Politologe und Journalist. Er lebt als freier Autor in Berlin und berichtet für Zeitschriften wie Vanity Fair und Monocle aus aller Welt. Zuvor schrieb er für stern und SPIEGEL, das SZ-Magazin sowie die Welt am Sonntag. Zuletzt arbeitete er als geschäftsführender Redakteur der deutschen Vanity Fair. Seine eigene Arbeitsbiografie wechselte stets zwischen festen und freien Beschäftigungen, das Thema seines Buches "Morgen komm ich später rein" ist damit auch ein Lebensthema. |
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