Dr. Annette C. Anton über "Madame Bovary">> Zurück zu den Experten-BuchtippsEmma, verheiratet mit dem Landarzt Charles Bovary, den sie nicht liebt, der ihr aber zunächst zum ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg verhilft, hat weder eine Aufgabe im Leben noch findet sie einen Sinn in ihrer Existenz. Leider ist sie klug genug, um dies alles zu wissen, geht aber dennoch daran zugrunde - worin die ganze Tragik dieser Geschichte liegt. Gefangen in der Kleinstadt Yonville und in ihrer Vernunftehe flüchtet sie sich in eine selbstzerstörerische Liebschaft. Die Sexualisierung ihrer Langeweile geht Hand in Hand mit einem ungeheuren Kaufrausch. Kleider, Stoffe, Vorhänge, Teppiche, ein weiterer Liebhaber, eine noch riskantere Affäre, offene Rechnungen, Lügen, Betrug und ein Leben wie im Fieber - Emmas Leere ist so maßlos, wie die Betäubungen, die sie dagegen aufbietet. Am Ende der Spirale aus Konsumzwang und sexueller Hörigkeit stehen der komplette Kontrollverlust und schließlich Emmas Selbstmord. Das alles hat viel mehr mir uns zu tun, als wir uns eingestehen wollen. Dass eine Frau wie Emma Bovary bruchlos in die heutige Zeit passt, zeigt uns Woody Allen in seiner Erzählung The Kugelmass Episode. Auf der Suche nach einer Affäre gelangt der unglücklich verheiratete Professor Kugelmass - nachdem sein Analytiker ihm nicht helfen kann - durch einen Zaubertrick in den Roman Madame Bovary hinein ("ein paar Seiten hinter Léon und gerade vor Rodolphe") und beginnt dort eine Affäre mit Emma. Schließlich holt er sie sogar aus dem Buch heraus und zu sich nach New York. Allerdings geht Emmas geplante Rückkehr in den Roman gründlich schief. Kugelmass hat die stets nörgelnde Frau bald satt, zumal sie im Plaza Hotel eine stattliche Rechnung zusammenwohnt und exzessiv auf seine Kosten shoppen geht. Zu guter Letzt wird Kugelmass seine lästige Geliebte zwar los, nimmt aber selbst ein ebenso komisches wie schlimmes Ende, das hier nicht verraten wird. Der Tragik des Lebens lässt sich eben manchmal nur mit der Komik der Literatur zu Leibe rücken. Die Buchempfehlung von Annette C. AntonGustave Flaubert: Madame BovaryÜber Annette C. AntonDr. Annette C. Anton hat über "Authentizität" promoviert und war Cheflektorin des Aufbau-Verlags in Berlin und Literaturagentin bei Mohrbooks. Heute ist sie Programmleiterin des Campus Verlags, Autorin mehrerer Bücher und schreibt regelmäßig für die Emma.Foto: Bettina Flitner "Mädchen für alles" von Annette C. AntonAnnette C. Anton: Mädchen für allesmehr |
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